31.01.2010
Projekt Überleben
Projekt Überleben
Die globale Jugend kämpft auf der Klimakonferenz um ihre Zukunft. Mit Gesichtsfarbe, Liedern und einem kleinen Regensturm
Daniel BoeseKOPENHAGEN. Joshua Kahn Russells Stimme ist heiser. Es ist Sonntagmorgen und es läuft gerade eine Krisensitzung der Jugendlichen auf dem Klimagipfel. Das UN-Sekretariat hat angekündigt, ab Dienstag nur noch wenige hundert Jugendliche zum Gipfel zuzulassen, weil es insgesamt zu viele Anmeldungen gibt. Fast tausend junge Aktivisten müssten dann draußen bleiben. Joshua sagt: “Wenn wir nicht mehr ins Kongresszentrum reindürfen, können wir in der Lobby Aktionen starten.” Die Diskussion beginnt: Sollen sie sich aufteilen oder alle gemeinsam unter Protest den Gipfel verlassen? Es wird die entscheidende Woche auf dem Gipfel und die Jugend kämpft um ihren Platz am Verhandlungstisch.
Mehr als eine Woche lang hat Joshua Kahn Russell die Jugend der Welt schon trainiert, um sie fit zu machen für medienwirksame Proteste. Drei Tage vor dem Beginn des Gipfels ging es los. Zusammen mit vielen Jugendlichen saß er da eines Morgens in einem kirchlichen Gemeindezentrum im Zentrum von Kopenhagen und hat erklärt, wie friedlicher Widerstand funktioniert.
Sie waren aus Malaysia, Indien, Schweden, den USA, Kanada und Deutschland in den Gemeindesaal gekommen. Manche trugen schon das rote Halsband der UN, an dem der Konferenzausweis baumelte, denn sie sind alle für den Gipfel akkreditiert. Insgesamt werden mehr als 1 500 Jugenddelegierte aus 115 Ländern kommen, mehr als je zuvor. Joshua rief ihnen zu: “Ziviler Ungehorsam wird als eine taktische Eskalation genutzt, wenn man alles andere vergeblich versucht hat. Und viele Menschen glauben, dass wir diesen Punkt erreicht haben.” Dann übten sie Protest im Plenarsaal. Die einen waren die Jugendlichen, die anderen die Sicherheitsleute. Joshua erklärte ein paar Tricks, und dann lief es ganz gut.
Joshua Kahn Russell ist 25 Jahre alt, kommt aus Kalifornien, und ist so eine Art professioneller Umweltaktivist. Seit Jahren arbeitet er mit Indianern im “Aktionsnetzwerk Regenwald” zusammen. Er hilft auch den Ureinwohnern in Kanada bei den Protesten gegen Kahlschläge in ihren Wäldern. Im März hat er zusammen mit 4 000 Studenten das Kohlekraftwerk des Kongresses in Washington einen Tag lang blockiert. Das Kraftwerk wurde danach abgeschaltet.
Joshua erklärt den anderen, man könne viel erreichen, wenn man es richtig anstellt. Die anderen hören begierig zu. Benedikt Jordan aus Heidelberg macht sich Notizen. Er ist 15 Jahre alt und für ihn ist es schon ein Erfolg, überhaupt hier zu sein. Er hat sich ein halbes Jahr lang vorbereitet, er hat bei seiner Mutter und den Lehrern durchgesetzt, dass er freibekommt. Die Länder der Welt verhandeln über die Klimakrise schon länger als Benedikt lebt.
Joshua Kahn Russel ist angespannt. Zwei Wochen lang wird die Welt das Geschehen im Bella Kongresszentrum in Kopenhagen beobachten. Die Jugenddelegierten haben zwei Wochen Zeit, um ihre Stimme zu erheben.
Nicht weit vom Gemeindezentrum entfernt organisiert Deepa Gupta aus Indien in einem leeren Schulgebäude den “internationalen Hungerstreik für Klimagerechtigkeit”. Ihre Freundin Anna Keenan aus Australien hat seit 29 Tagen nur Wasser getrunken. Wenn Barack Obama in Kopenhagen ankommt, wird Anna den 42. Tag ohne Essen verbracht haben. Auch Deepa Gupta hat vor Tagen mit dem Essen aufgehört. Aber sie wird das wohl nicht durchhalten. Gerade kommen dutzende Jugenddelegierte an, und Deepa muss sich um sie kümmern. Es ist schwer, Protest-Managerin und Hungerstreikende zu sein.
Als am Montagmorgen der Klimagipfel beginnt, gibt es lange Schlangen am Eingang des Kongress-Zentrums. Die australische Jugenddelegation startet die erste Aktion: ein Flash-Dance. Pünktlich um eins soll er die Diplomaten beim Verlassen des Plenums begrüßen. Hunderte Jugendliche tauchen plötzlich auf und rappen: “Oh, es wird langsam warm im Erdenzelt, zu viel Kohlendioxid auf der Welt”.
Es ist ein gutgelaunter Protest, das Richtige für den ersten Tag. Nur die Diplomaten sind nicht zu sehen, die Sitzung läuft länger. Die Australier haben für ihren Tanz nur eine Genehmigung für ein Uhr bekommen. Warten ist nicht erlaubt.
Es geht in Kopenhagen nicht um Eisbären, es geht ums Überleben. Das wissen und erzählen vor allem die Jugendlichen aus dem Süden, Christina Ora ist eine von ihnen. Sie spricht in der Eröffnungssitzung vor den Diplomaten von 192 Ländern. Sie ist 17 und geht auf den Solomonen-Inseln im Pazifik zur Schule. Die ersten Insulaner müssen schon heute umziehen, weil der Meeresspiegel steigt. Christina wurde 1992 geboren, im selben Jahr wie die Klimakonvention der UN verabschiedet wurde. “So lange ich auf der Welt bin, verhandelt ihr schon. Nun sagt uns nicht, dass ihr mehr Zeit braucht”, ruft sie in den Saal. Sie bekommt donnernden Applaus.
Am nächsten Morgen um acht sind 200 Jugendliche im Konferenzraum “Bodil Udsen” zum basisdemokratischen Sprecherrat erschienen. Zum Aufwärmen übt Joshua mit ihnen einen “A-capella-Regen- sturm”. Zweihundert Finger schnipsen, Zungen schnalzen, Hände trommeln, bis ein echtes Gewitter zu hören ist. Joshua fragt sich: Ist das die richtige Aktion, um die Delegierten zu beeindrucken?
Am Ende des Treffens wird noch mal die Nummer vom SMS-Alert durchgesagt. Den Tag über reden NGO-Vertreter, Presseleute und Jugendliche über den Geheim-Vorschlag der Dänen für ein Abkommen, den die Zeitung Guardian offengelegt hat. Die Inselstaaten sind empört, der Vorschlag sichere ihre Zukunft nicht, heißt es. Das Armdrücken in den Verhandlungsrunden hat begonnen.
Benedikt Jordan aus Heidelberg läuft mit grün bemaltem Gesicht als Alien durch das Bella Center. Immer wieder ruft er zwischen den Diplomaten aus Deutschland, Kanada und Tuvalu: “Wo sind eure Klima-Anführer?” und “wir suchen ein starkes und ehrgeiziges Abkommen”. Das Online-Netzwerk Avaaz hat die Kostüme mitgebracht, Benedikt freut sich über das Theater.
Am Abend trifft sich das Aktionsteam der Jugendlichen in einem Studentenwohnheim. Das Treffen ist zäh, einige wollen gleich loslegen, andere erst eine Strategie abstimmen. Joshua übt noch mal den Regensturm, aber auch das bessert die Stimmung nicht.
Am Mittwochmorgen bekommt Joshua den Anruf: Das UN-Sekretariat erlaubt das Gewitter nicht, vielleicht später.
Benedikt Jordan sitzt gerade im Plenarsaal, als Chefunterhändler Ian Fry vom Inselstaat Tuvalu sein Mikrofon einschaltet. Fry fordert ehrgeizige Ziele: Die Erwärmung auf 1,5 Grad begrenzen und Kohlendioxid auf 350 ppm in der Atmosphäre senken. Benedikt ist begeistert, Fry hat die gleichen Forderungen wie die Jugendbewegung.
Als Benedikt ein paar Stunden später am Hafen Klimaretter aus Berlin begrüßt, die im Segelschiff angereist sind, versammelt sich vor dem Plenarsaal eine spontane Demonstration, 350.org, WWF und Greenpeace haben aufgerufen, die Jugend verstärkt die Allianz. Joshua ist mittendrin, sie wollen Tuvalu unterstützen, sie rufen “Hört auf die Inseln”, skandieren “Überleben” und “350″. Die UN-Polizisten sind nervös, die Demonstranten laut, die Sitzung wird abgebrochen.
In den nächsten Tagen legt der Vorstoß von Tuvalu die Verhandlungen lahm, der kleine Inselstaat nötigt erfahrenen Diplomaten Respekt ab. Es wird ernsthaft über 1,5 Grad als Ziel diskutiert.
Am Abend ist Joshua unruhig, er hat jetzt endlich die Erlaubnis für den Regensturm – aber gleichzeitig muss er dem UN-Sekretariat versprechen, dass es keinen Tumult gibt. Er macht einen Anruf nach dem anderen, ist die Aktion das Risiko wert, die Akkreditierung zu verlieren? Nachts träumt er vom Streit mit Polizisten.
Donnerstagmittag, der Regensturm beginnt. Hunderte Jugendliche sind da, Joshuas Helfer passen genau auf, dass niemand den Gang blockiert und reden die ganze Zeit mit den UN-Polizisten. Ein Dutzend Kamerateams sind da, Benedikt trommelt mit. Am Ende rufen sie: “Wir werden nicht leise sterben”, ein Zitat des Präsidenten der Malediven. Hinterher umarmt Simone aus Südafrika Benedikt. Dann passiert das Unerwartete: Dutzende Indianer und Ureinwohner bilden eine Menschenkette. Sie nutzen den Raum der Jugend für ihre unangemeldete Aktion, fordern laut dazu auf, eine Menschenkette zu bilden. Die Kette zieht durch das Kongresszentrum, Benedikt läuft mit. Die Polizisten bleiben ruhig.
Am Freitag schreibt Benedikt seiner Mutter eine Mail. Eigentlich sollte er Montag nach Hause, aber er will bis zum Ende bleiben. Was ist schon Schule gegen so einen Gipfel? Bei der Demonstration am Samstag in Kopenhagen läuft er im Jugendblock mit. Fast hunderttausend Menschen sind bei der Demonstration dabei, schätzen die Veranstalter. Joshua moderiert den Lautsprecherwagen der Ureinwohner. Deepa aus Indien spricht am Ende auf der Bühne vor Zehntausenden, zusammen mit der Ex-Präsidentin von Irland. Deepa ruft: “Die Zeit für ,Yes we can’ ist vorbei. Jetzt geht es um: Yes, we will!”.
Am Sonntag wird nicht verhandelt, ein kurzes Atemholen vor der nächsten Woche. Dann wird der Kampf weitergehen. Joshua Kahn Russell hört von Verhaftungen, er ist angespannt. Benedikt aus Heidelberg hat eine Nachricht von seiner Mutter bekommen. Er darf bis zum Ende bleiben.













